Taliban an vier Fronten
Pakistans Luftangriffe, der Terror des Islamischen Staates, bewaffnete Widerstandsgruppen und Spannungen in der eigenen Führung belasten die Taliban gleichzeitig. Daraus entsteht eine gefährliche Gemengelage. Ein bevorstehender Verlust Afghanistans lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Entscheidend ist, ob aus mehreren begrenzten Konflikten eine Krise wird, die den Zusammenhalt des Regimes erschüttert.
Fünf Jahre nach ihrer Rückkehr an die Macht müssen die Taliban eine Erfahrung machen, die sie ihren früheren Gegnern selbst aufgezwungen haben: Wer die Hauptstadt und den Staatsapparat beherrscht, hat damit noch keinen dauerhaften Frieden geschaffen. Die Bewegung kontrolliert weiterhin die zentralen Institutionen Afghanistans. Gleichzeitig wird ihre Fähigkeit, Sicherheit zu gewährleisten, von unterschiedlichen Gegnern angegriffen. Im Herbst 2026 rückt dabei besonders der Konflikt mit Pakistan in den Vordergrund.
Die Vorstellung eines Krieges an vier Fronten braucht allerdings eine genaue Einordnung. Pakistan ist ein staatlicher Gegner mit regulären Streitkräften. Der afghanische Ableger des Islamischen Staates führt einen terroristischen Untergrundkampf. Die bewaffnete afghanische Opposition verfolgt andere politische Ziele und besteht aus mehreren Organisationen. Die vierte Belastung entsteht innerhalb der Taliban selbst. Diese Konflikte haben weder eine gemeinsame Führung noch denselben militärischen Charakter. Ihre Gleichzeitigkeit kann das Regime schwächen, beweist aber noch keinen bevorstehenden Zusammenbruch.
Pakistan ist der militärisch stärkste Gegner, mit dem sich die Taliban gegenwärtig auseinandersetzen müssen. Anfang Oktober griff die pakistanische Luftwaffe erneut Ziele in Afghanistan an. Bei Angriffen am 1. Oktober in den Provinzen Kunar und Helmand kamen auch Zivilisten ums Leben. Islamabad erklärte, Stützpunkte militanter Gruppen getroffen zu haben; die Taliban warfen Pakistan Angriffe auf Wohnhäuser vor. Die unterschiedlichen Darstellungen zeigen, wie eng die militärische Eskalation mit einem Kampf um die Deutung der Ereignisse verbunden ist.
Im Zentrum des Streits steht die Tehrik-e-Taliban Pakistan, kurz TTP. Sie ist organisatorisch von den afghanischen Taliban zu unterscheiden und richtet ihren bewaffneten Kampf gegen den pakistanischen Staat. Islamabad wirft der Führung in Kabul vor, Rückzugsräume auf afghanischem Boden zu dulden. Kabul weist den Vorwurf zurück, Angriffe auf Pakistan zu ermöglichen. Am 12. Oktober bekräftigte Pakistans Außenminister Ishaq Dar die Forderung, grenzüberschreitende Aktivitäten militanter Gruppen zu unterbinden.
Für die Taliban ergibt sich daraus ein strategisches Dilemma. Historische Verbindungen zwischen den militanten Netzwerken erschweren eine vollständige Abkehr von früheren Weggefährten. Gleichzeitig erhöhen weitere Anschläge in Pakistan den Druck auf Islamabad, militärisch zu reagieren. Pakistan verfügt zudem über wirtschaftliche Druckmittel an den Grenzübergängen. Werden Handelswege unterbrochen, trifft das ein Binnenland, dessen Versorgung und Wirtschaft auf funktionierende Verbindungen zu seinen Nachbarn angewiesen sind. Militärischer und wirtschaftlicher Druck können sich dadurch gegenseitig verstärken.
Der Islamische Staat greift vor allem das Sicherheitsversprechen der Taliban an. Sein regionaler Ableger IS-Khorasan bekämpft deren Herrschaft aus einer konkurrierenden extremistischen Ideologie heraus. Er verfolgt ein grenzüberschreitendes Kalifatsprojekt und lehnt den Herrschaftsanspruch der Taliban ab. Dabei richtet sich seine Gewalt auch gegen religiöse Minderheiten und zivile Ziele. Am 19. Januar 2026 wurden bei einer Explosion in einem chinesisch geführten Restaurant in Kabul sieben Menschen getötet. Der Islamische Staat bekannte sich zu dem Angriff.
Solche Anschläge können über die unmittelbaren Opfer hinaus politische Wirkung entfalten. Sie stellen die Fähigkeit der Taliban infrage, ausländische Staatsangehörige und wirtschaftliche Aktivitäten zu schützen. Ein einzelner Angriff kann das Vertrauen potenzieller Partner beschädigen, ohne dass die Täter anschließend ein Stadtviertel oder einen Distrikt kontrollieren. Genau darin liegt die asymmetrische Herausforderung. Aus der fortbestehenden Anschlagsfähigkeit des IS lässt sich allerdings keine Fähigkeit zur Eroberung Afghanistans ableiten. Terroristische Reichweite und territoriale Macht sind unterschiedliche Größen.
Die dritte Konfliktlinie verläuft zwischen den Taliban und bewaffneten afghanischen Widerstandsorganisationen. Zu den bekanntesten gehören die Nationale Widerstandsfront um Ahmad Massoud und die Afghanistan Freedom Front unter dem früheren Generalstabschef Yasin Zia. In diesen Strukturen kämpfen auch Angehörige der ehemaligen Sicherheitskräfte. Ihre Angriffe richten sich gegen Taliban-Personal und Einrichtungen des Regimes. Hinterhalte und begrenzte Überfälle prägen das militärische Bild stärker als zusammenhängende Frontlinien.
Anfang Oktober rückte die östliche Provinz Nuristan in den Blick. Am 7. Oktober wurden Gefechte zwischen Taliban-Einheiten und der Afghanistan Freedom Front im Distrikt Kamdesh bekannt. Die Widerstandsorganisation bestätigte die Kämpfe. Gesicherte Angaben zu den Verlusten lagen zunächst nicht vor. Der Vorgang zeigt die fortbestehende Fähigkeit bewaffneter Gegner, die Taliban regional herauszufordern. Er rechtfertigt jedoch nicht die Behauptung, eine ganze Provinz sei der Kontrolle Kabuls entglitten.
Die entscheidende Schwäche der Opposition bleibt der Abstand zwischen Angriffsfähigkeit und dauerhafter Gebietskontrolle. Wer einen Kontrollposten überfällt, kann dem Gegner Verluste zufügen. Um einen Distrikt zu halten, braucht es darüber hinaus Nachschub, verlässliche lokale Unterstützung und eine Führung, die militärische Kräfte dauerhaft zusammenführen kann. Ein landesweit tragfähiges Gegenmodell zur Taliban-Herrschaft ist bislang nicht erkennbar. Auch die Vielzahl oppositioneller Organisationsnamen darf nicht mit einer entsprechend großen gemeinsamen Streitmacht verwechselt werden. Zersplitterung kann die Zahl der Angriffe erhöhen und zugleich die politische Durchsetzungsfähigkeit begrenzen.
Die vierte Belastung ist weniger sichtbar: der Streit um Macht und Entscheidungsbefugnisse innerhalb der Taliban. Ihr oberster Führer Hibatullah Achundsada hat das politische und religiöse Entscheidungszentrum in Kandahar verankert. Daneben bestehen einflussreiche Netzwerke in der Regierung und im Sicherheitsapparat, darunter das Haqqani-Netzwerk. Unterschiedliche Interessen betreffen die Machtverteilung, den Umgang mit dem Ausland und die Frage, wie kompromisslos gesellschaftliche Verbote durchgesetzt werden sollen. Daraus folgt allerdings nicht, dass sich bereits zwei geschlossen auftretende Lager unversöhnlich gegenüberstehen.
Im Januar des laufenden Jahres 2026 wurde eine Tonaufnahme einer Rede Achundsadas aus dem Januar 2025 öffentlich, in der er vor den Folgen interner Zerwürfnisse für den Bestand des Emirats warnte. Das ist ein Hinweis darauf, welchen Stellenwert der Zusammenhalt für die Führung besitzt. Es ist kein Beleg für einen unmittelbar bevorstehenden Putsch. Die Taliban haben bislang erhebliche Differenzen ausgehalten, ohne dass ihre zentrale Machtstruktur auseinandergebrochen wäre. Die Bezeichnung als vierte Front beschreibt deshalb ein politisches Risiko, keinen nachgewiesenen inneren Bürgerkrieg.
Auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen gehören in diese Betrachtung. Die weitreichenden Beschränkungen für Frauen und Mädchen verhindern Bildungswege, erschweren Erwerbsarbeit und beeinträchtigen die Zukunftsfähigkeit des Landes. Sinkende Hilfsmittel, Rückkehrbewegungen aus Nachbarstaaten und humanitäre Not verengen den Handlungsspielraum zusätzlich. Für eine Herrschaft, die Loyalität sichern und einen Sicherheitsapparat unterhalten muss, sind solche Belastungen relevant. Dennoch führt soziale Not nicht zwangsläufig zu einem organisierten Aufstand. Unterdrückung, Erschöpfung und fehlende politische Alternativen können offene Mobilisierung ebenso verhindern.
Gegen einen unmittelbar bevorstehenden Machtverlust sprechen weiterhin gewichtige Faktoren. Die Taliban verfügen über den Staatsapparat, bewaffnete Kräfte und gewachsene lokale Netzwerke. Ihre Gegner verfolgen teilweise unvereinbare Ziele. Der Islamische Staat und die nichtjihadistischen Widerstandsgruppen bilden keine natürliche Allianz. Auch Pakistan lässt sich nicht ohne Weiteres als Teil einer gemeinsamen Kampagne zur Übernahme Afghanistans behandeln. Die öffentlich erhobenen Forderungen Islamabads betreffen vor allem die Bekämpfung grenzüberschreitender Militanz.
Hinzu kommen außenpolitische Verbindungen, die einer vollständigen Isolierung entgegenwirken. Russland erkannte die Taliban-Regierung 2025 an und empfing am 5. Oktober 2026 erneut eine Delegation zu Afghanistan-Gesprächen in Moskau. Dort erklärte Taliban-Außenminister Amir Khan Muttaqi, die Probleme mit Pakistan könnten durch Diplomatie gelöst werden. Solche Kontakte beseitigen die Konflikte nicht. Sie eröffnen dem Regime aber Möglichkeiten, Unterstützung zu gewinnen und eine weitere Eskalation zu begrenzen.
Das gefährlichste Szenario wäre eine wechselseitige Verstärkung der Belastungen. Ein anhaltender Grenzkonflikt könnte zusätzliche Kräfte binden. Anschläge im Landesinneren würden gleichzeitig höhere Sicherheitsausgaben erzwingen. Wirtschaftliche Einbußen könnten Verteilungskonflikte verschärfen und damit die Bereitschaft einzelner Netzwerke schwächen, Entscheidungen der Führung mitzutragen. Das ist eine mögliche Entwicklung, keine bereits eingetretene Kettenreaktion. Ob sie einsetzt, hängt wesentlich davon ab, ob die Taliban ihre Kommandeure und regionalen Machtträger weiter zusammenhalten können.
Für die Beurteilung der Lage sind deshalb konkrete Veränderungen wichtiger als spektakuläre Siegesmeldungen. Dauerhaft verlorene Distrikte, längerfristig unterbrochene Nachschubwege oder der Übertritt bedeutender Kommandeure zu bewaffneten Gegnern hätten ein anderes Gewicht als einzelne Überfälle. Erst wenn solche Entwicklungen zusammenkämen, ließe sich von einer grundsätzlichen Gefährdung der landesweiten Herrschaft sprechen.
Die Taliban können Afghanistan langfristig verlieren. Zum Stand vom 17. Oktober 2026 ist ein unmittelbar bevorstehender Sturz jedoch nicht belegt. Die größere Gefahr liegt vorerst in einer schleichenden Aushöhlung ihres Herrschaftsanspruchs: Sie halten die Macht, müssen aber immer wieder zeigen, dass sie das Land auch sichern können. Ob aus dieser Dauerbelastung eine Existenzkrise wird, dürfte sich vor allem am inneren Zusammenhalt entscheiden. Militärische Gegner können Druck ausüben; ein Bruch der eigenen Machtstruktur könnte dessen Wirkung entscheidend vergrößern.
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